Ulrike Erhard  (Berlin)                                                                                                 3. 8. 2011            

unter Verwendung eines Pamphlets von Gerd Koch


 

Auf der Suche nach einem Lehrstück – oder: Ende der Vorstellung?

 

 

Vorab: Bertolt Brecht

„Als Bertolt Brecht 1929 zum ersten Mal den Titel ‚Lehrstück‘ verwendete und ‚Das Badener Lehrstück‘ am 28. Juli 1929 im Rahmen der Baden-Badener Musikfestwochen aufgeführt wurde, begann er mit einem Theater-Typus zu arbeiten, der in einem entscheidenden Punkt deutlich über seine Experimente mit dem epischen Theater hinausging: Die Kommunikation von Bühne und Publikum, das Spielen für ein Publikum als zentrale Kategorie des Theaters, wurde abgeschafft oder war zumindest nebensächlich geworden. ‚das lehrstück lehrt dadurch‘, wie Brecht formuliert, ‚daß es gespielt, nicht dadurch daß es gesehen wird. prinzipiell ist für das lehrstück kein zuschauer nötig, jedoch kann er natürlich verwertet werden.‘ … Brecht begann mit einer ‚Kette von Versuchen, die sich zwar theatralischer Mittel bedienten, aber die eigentlichen Theater nicht benötigten, […]." (Brecht) Stattdessen initiiert er einen selbstreflexiven politisch-pädagogischen Spiel-Prozess, der die Trennung von Theorie und Praxis aufzuheben versucht, indem (wie Brecht sagt) die ‚tätigen und betrachtenden‘, sozusagen die ‚politiker‘ und die ‚filosofen‘, nicht mehr voneinander getrennt sind“ (nach Gerd Koch/Florian Vaßen: Der lange Weg des Lehrstück-Spiels, in: Marcel M. Baumann u.a. (Hrsg.): Friedensforschung und Friedenspraxis. Frankfurt am Main 2009, S. 169).

 

Am 16. Januar 2011 fand in der Akademie der Künste Berlin am Pariser Platz ein „Fünf-Uhr-Tee“ mit dem Untertitel: „Gespräche über Theater und die Welt“ mit Hermann Beil (Chefdramaturg des Berliner Ensembles) und Kevin Rittberger (Journalist, Autor, Theaterregisseur) zum Thema "Drama und Wirklichkeit oder Was macht eigentlich das Lehrstück?“ statt.

Das  Thema erweckte meine Vorstellung, Neues zum aktuellen Umgang mit dem „Lehrstück“ Bertolt Brechts bzw. der Lehrstückpraxis zu erfahren; denn Rittberger hat sein Theaterstück über das Drama der afrikanischen Flüchtlingsströme nach Europa  „Kassandra oder Die Welt als Ende der Vorstellung“ als „Lehrstück“  bezeichnet.

 

Teil II seines Stücks nennt Rittberger  „Das Lehrstück von Blessings Tod “. Da musste doch etwas in Sachen Lehrstück zu holen, zu erfahren sein …

 

Gerd Koch beschreibt in seinem schönen Pamphlet diesen Nachmittag so:

„Die Moderatorin Petra Kohse führte das zahlreich anwesende Publikum so jedoch nicht an die Fragestellung. Stattdessen ‚übersetzte‘ sie von Anfang an und kontinuierlich Lehrstück mit Dokumentar-Theater (assoziiert wurde auch der semantische Raum: politisches Theater, Agitation, Stück mit Lehre, politisches Zeitstück). Dass Bertolt Brecht in der internationalen Theatergeschichte integral mit dem theatralen Modell „Lehrstück" verbunden ist, hörte man nicht.

Hermann Beil hatte die Idee, dass es wohl sehr schön wäre, wenn Stücke, wie sie Rittberger schreibt, doch einmal im Bundestag aufgeführt werden könnten, und das korrespondierte auch mit der Beschreibung der Absicht des „Fünf-Uhr-Tess“ durch die Akademie der Künste: Man werde „darüber sprechen, wie Theater Wirklichkeit abbilden kann und ob mit Hilfe von Theater noch etwas gelernt werden kann – und wenn ja, was und von wem?“. Also: Der Bundestagspräsident Lammert sei ja ein Freund des Theaters, und PolitikerInnen könnten aus dokumentarischem Theater (also im Verständnis des Podiums: aus Lehrstücken) sehr viel lernen. Aber damit sei wohl nicht zu rechnen.

Dass im österreichischen Graz seit einigen Jahren schon die Theaterarbeit nach dem Modell des von Augusto Boal entwickelten „Theaters der Unterdrückten“ (etwa das Theater mit obdachlosen und in prekären Verhältnissen lebenden Menschen, aktiviert durch „interACT“) Theater in Sälen der Stadtregierung, auf den Plätzen der Abgeordneten und Stadtregierung der Stadt realisiert hat, war wohl nicht bekannt. Oder: Das Theaterstück aus dem Grips-Theater mit dem Titel „SOS Human Rights“ ist an vielen Orten unterwegs als eine politisch-ästhetische Intervention (es bekam im Sommer 2011 in Kärnten verdientermaßen bei einem Theaterfestival den Publikumspreis): es ist auf öffentlichen Plätzen zu sehen, es mischt sich ein in politische Willensbildungsprozesse aus Anlass etwa von Innenminister-Treffen, es ist, wie das Grazer Beispiel, eine theatrale NGO (Nicht-Regierungs-Organisation).

Die dreiviertel Stunde meiner Anwesenheit brachte mir eines: Es wurde mir sichtbar (= der Blick, der lesbar macht), dass die am Podium Sitzenden keine Ahnung von Brechts Arbeit am Lehrstück, für das Lehrstück und um eine Lehrstück-Spiel-Praxis herum durchscheinen ließen. Ein bedauerlicher Fall?! Aber nein, ich will versöhnlich sein: Wahrscheinlich wurde, um Spannung zu erzeugen (wir sind ja unter Theaterleuten), die Brechtsche Lehrstücktheorie und -praxis erst im zweiten Teil des Abends, den ich mir in arroganter Weise erspart hatte, umfänglich vorgeführt. Dann erst wurde wohl das Geheimnis gelüftet und die Frage beantwortet: "Was macht eigentlich das Lehrstück?" Da ich (eingebildet wie ich bin) annehme, bereits einiges übers Lehrstück zu wissen, tat ich gut und verhielt mich ökonomisch, die zweite Halbzeit des „Fünf-Uhr-Tees“ nicht mehr zu besuchen.

Doch: Die Veranstaltung verließ ich enttäuscht/getäuscht. Die Lehrstückpraxis war kein Thema und ein systematischer Bezug auf Bertolt Brecht fehlte. Nur einmal fiel sein Name - eher beiläufig …“

 

Es war bei diesem Fünf-Uhr-Tee auch die Rede vom „leeren Lehrstück“, vom „neuen Blick“, vom „nicht lesbaren Blick“, vom „reinen, körperlosen Blick“ (Kevin Rittberger).

Diese Begrifflichkeiten erzeugten bei mir einiges Unbehagen, gemischt mit Skepsis und Abwehr. Jetzt wollte ich es aber genauer wissen – und das Textbuch wurde gekauft:

“Kassandra oder Die Welt als Ende der Vorstellung“ Ein Stück von Kevin Rittberger (in: Kevin Rittberger: Puppen, Drei Stücke, Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2010).

 

 

 

Meine Versuche, einen Text zu verstehen  Oder: Was ist ein leeres Lehrstück?

 

Nun gut, ich LESE den Theater-Text ja nur – das muss ich mir immer wieder sagen; denn bereits auf der ersten Seite gerate ich ins Schlingern und ärgere mich über die nicht nachvollziehbaren Satzkaskaden oder „wilden Assoziationen“.

 

Brecht aber sagt: Lehrstücke seien nicht zum Zuschauen gedacht – ich übertrage das für mich in diesem Falle: Sie sind nicht zum Lesen gedacht, sondern zum Spielen – sie lehren dadurch, dass sie gespielt werden. – also spiele ich lesend, lese ich spielend den Theatertext von Rittberger. Und dieses lesende Spiel entpuppt sich immer stärker als ein Prozess mit etlichen Handicaps. Also ganz produktiv im Sinne Brechts?

 

Und beim Lesen erinnere ich mich an die ca. 15 minütigen Video-Auszüge aus der Wiener Aufführung (vom April 2010), die Kevin Rittberger am 16. Januar 2011 als Illustration zum „Fünf-Uhr-Tee“ in der Akademie der Künste zeigte.

Im ersten Ausschnitt sind drei Schauspieler zu sehen, die einander ihre Gesichtshaut mit schwarzer Farbe anmalen, wenn sie Schwarze spielen – und ihre weiße Haut mehlweiß anmalen, wenn sie Weiße darstellen. Als Schwarze sitzen sie auf einer Art Turnbank. Um sie herum sind helle Plastikplanen gehängt – ein Ort, der nicht zu verorten ist. Sie sprechen die Texte von Flüchtlingen. Sie erzählen von den Bedingungen und Erfahrungen während der Flucht, ihren Hoffnungen und Befürchtungen in Richtung auf das Erreichen Europas.

 

Der zweite Ausschnitt zeigte eine (weiße) westliche Dokumentarfilmerin und ihre Reporterkollegen. Sie berichten von ihrer schwierigen Suche nach bereitwillig erzählenden Flüchtlingen an der Küste Spaniens. In Erinnerung habe ich eine dialogische Auseinandersetzung um ihre moralische Verantwortung.

 

 

Wo ist der Platz – oder: Afrika – Europa – Afrika?

 

 

Kevin Rittberger stellt seinem Text eine Frage Heinrich von Kleists voraus, die ich als suchende Anklage lese:  

„Wo ist der Platz, den man jetzt in der Welt einzunehmen sich bestreben könnte, im Augenblicke, wo alles seinen Platz in verwirrter Bewegung verwechselt.“

 

 

Will Rittberger das Zitat als ‘Motto‘, also im heutigen Verständnis als klärenden Leitgedanken, als Merk- und/oder Wahlspruch, verstehen oder gilt hier die lautmalerische Begriffsgeschichte aus dem Lateinischen, nämlich: Motto = Grunzen und Raunen? 

 

Dem Stück  „Kassandra oder Die Welt als Ende der Vorstellung“ stellt Rittberger dann noch zehn mit Spiegelstrichen versehene Assoziationen voran.

Ich lese den ersten Satz:

“l’afrique, c’est pour l’europe ce que l’image est pour dorian gray.” (S.54) (Afrika ist für Europa das, was das Porträt für Dorian Gray ist, Ü.d.V.)

Was kann damit gemeint sein? Ich erinnere mich an Oskar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“. Dorian Gray sucht im faustischen Sinne – in seinem Pakt – nicht nach Erkenntnis, sondern nach Schönheit. Statt seiner altert das Porträt: Während er immer maßloser und grausamer wird, bleibt sein Äußeres jung und schön. Die Geschichte endet für Gray tödlich.

Dann könnte das Porträt-Zitat – übertragen auf Europa und Afrika – so zu lesen sein: Während Europa (als „Dorian Gray“) immer maßloser und grausamer wird, gleichzeitig aber äußerlich jung und schön bleibt, altert stattdessen Afrika. Allerdings prophezeit das Motto dann einen tödlichen Ausgang für Europa.

Heißt das für den Autor, ein unaufhaltsamer, unumkehrbarer Prozess ist im Gange (= Afrika kapert Europa)? Stellt der Autor die Realität um – sozusagen auf den Kopf: Afrika und seine jungen Flüchtlinge VERSUS das alte Europa, das sich als militärisch abgesicherte Festung, die auf sie zukommende Gefahr fürchtend, zu installieren trachtet?

 

 

 

Eine neue Moralphilosophie – oder: Das Lehrstück, das leere?

 

Unter den nächsten sechs Spiegelstrichen lese ich in einer Art Dialog:

„Eine Philosophie, in der nicht zwischen den Seiten das Elend der Welt hinausschreit, ist keine“ (S.54). Doch wenn jetzt der Leser/Hörer annehmen könnte, aus dieser Philosophie eine Anleitung zum sozialen und politischen Handeln erkennen zu können – hat er sich getäuscht. Nach Rittberger scheint Philosophie ‚zwischen Buchseiten‘ stattzufinden, aus denen dann auch noch etwas ‚herausschreit‘ (also: ein ‚Hörbuch‘ …) Es gibt neuerlich in der Tat ein Büchlein, das hier gemeint sein könnte – mit dem in der Tat ‚sprechenden, rufenden‘ Titel „Indignez-vous!“ (2010) / „Empört euch!“ (2011). Es stammt von Stéphane Hessel und ist der schriftliche Ausdruck einer beinahe ein Jahrhundert währenden vita activa – also keine Buchseiten- oder papierene Philosophie.

 

Eine Zeile später heißt es bei Rittberger: „Und wenn keiner das Geschrei mehr hören kann“das setzt der Autor sozusagen voraus – hören wir seine Schlussfolgerung: „Man muss das Elend vom Hörerlebnis trennen. Elend ist still und soll still bleiben. Einmal ausgedrückt, schon kommt es in den falschen Hals. Dann Halsabschneiden …“ (S.54) Kommt nun eine Rittbergersche Medien-Theorie? Und ich frage mich als Leserin: bedeutet das jetzt moral-philosophisch: Eigentlich ist nichts mehr zum vorhandenen Elend in der Welt zu sagen? Sprachlosigkeit wäre dann die Konsequenz. Ausdruckslosigkeit/Stummheit wären dann die adäquaten Existenzformen von Elend …?

Im letzten Abschnitt vor dem Theatertext – taucht der Begriff „leeres Lehrstück“ (S.55) auf. Rittberger stellt einen Zusammenhang zwischen der Seherin Kassandra und seinem „leeren Lehrstück“ her:

 „Als Protagonistin ihres leeren Lehrstücks aber zeigt sie Größe“ (S.55)

 

 

Kassandrisches Vermögen – oder: Ein fatales Leben?

 

Über Kassandra lese ich zu meiner Vergewisserung  in „Reclams Lexikon der antiken Mythologie“ (Stuttgart 2001): „Der Gott Apollon lehrte sie die Kunst der Weissagung in der Hoffnung, ihre Gunst zu gewinnen … Kassandra ließ ihn hoffen, blieb aber keusch. Der enttäuschte Gott verurteilte sie zum schlimmsten Schicksal, das einen Seher treffen kann: nicht ernst genommen zu werden“ (S. 283). Kassandras konkrete Warnungen in Troja wurden ignoriert; dies führte zum „Trojanischen Krieg“, der sowohl die Zerstörung Trojas als auch die Vernichtung der Griechen (sog. „Irrfahrten des Odysseus“) zur Folge hatte.

 

Ich erinnere mich an das Interview, das Alexander Kluge am 14. März 2011 –nach der Atomkatastrophe in Japan – gab. Auf die Frage: „Wie erleben Sie diese Katastrophe?“ gibt er zur Antwort:  „Ich empfinde das, als ob ein Vorhang reißt. Jeder Mensch hat ein Stück Kassandra in sich, ein Stück Ahnungsvermögen. Das hat auch damit zu tun, dass man etwas erinnern kann. Diese Erinnerung ist normalerweise wie von Lava überdeckt, plötzlich tritt man daraus hervor. Das ist ein sehr ambivalentes Gefühl. Man hat den Eindruck, das wusste man eigentlich vorher, obwohl man zutiefst überrascht ist … Das biblische Menetekel, die Schrift an der Wand, konnte damals nur der Prophet Daniel lesen, und auf Kassandra wurde nicht gehört. Aber das prophetische Ahnungsvermögen und das kassandrische Vermögen sind die wertvollsten Eigenschaften in uns Menschen. Wir brauchen große Vorratshäuser an Erfahrungen, und es gibt auch Geschichten mit gutem Ausgang …“ (In: Die Welt, 14.3.2011: "Wir treiben Spiele mit einem Monstrum -  Hilft das Erzählen, wenn ein Reaktor schmilzt? Alexander Kluge über Tschernobyl und die heilige Furcht vor der Natur“).

 

Zurück zum Text Rittbergers und seinen Fragen und Anschuldigungen der Seherin Kassandra gegenüber.

Wir lesen bei ihm:

Kassandra „ könnte ihr Augenmerk auf den Gang, nicht auf den Ausgang der Geschichte richten. Sie könnte den Tatsachen ins Auge blicken … darauf achten,…ob die Verkettung der Umstände unaufhaltsam ist, ob sich eine Möglichkeit anders zu handeln ergäbe ...“ (S.54)

Jetzt stolpere ich wieder in meinen Verständnisbemühungen – einerseits bin ich erstaunt und neugierig über eine mich an Bertolt Brechts Lehrstück erinnernde Haltung (Gang statt Ausgang; unaufhaltsam; anders zu handeln), gleichzeitig stellt sich mir die Frage: Warum richtet Rittberger die Frage an Kassandra und nicht auch an die sie ignorierenden handelnden Figuren? Das muss doch einen Sinn haben – aber welchen?

Rittbergers legt nahe, Kassandra unterläge einem „freiwilligen Fatalismus“ (S.55).

Ich erinnere mich an eine Theaterkritik zum Stück mit der Überschrift: „Kein richtiges im fatalen Leben“: „Rittbergers Kassandra (ertrinkt) gerade im Nichtwissen und dennoch Wählenmüssen: zwischen Regen und Traufe, Wüste und Meer, Verdursten und Ertrinken. Wohin man schaut Dilemmata …“ (Stefan Bläske: Das Unheil droht als Frontex-Beamter, in: nachtkritik.de, April 2010)

 „Eine Lektion ist von ihr (Kassandra, A.d.V.) also nicht zu erwarten … Wenn ein Mythos beginnt, endet die Lektion, das: Es-kommt-darauf-an-die-Welt-zu-Verändern.“ (S.55)

Welchen Mythos meint Rittberger damit? Wäre da kein Mythos (aus dem Griechischen: eine erzählte Geschichte, eine erzählerische Verknüpfung von Ereignissen), könnte die Lektion fortgesetzt werden? Lektion von lectio, lateinisch: das Gelesene, das Studium – eine Lerneinheit ist somit zum Ende gelangt. Soll ich das so verstehen: Es ist vorbei mit dieser Haltung, die Veränderung und Besserung anstrebt. Und was soll stattdessen geschehen? Ein leeres Lehrstück ... bleibt … !?!

 

 

 

Untergang – oder: Die Bedeutung des Über-Setzers?

 

Oder sollte Rittberger selbst auf der Suche nach einer anderen Lektion sein, wenn wir lesen: „Die Prophezeiung des Untergangs wird in die Realität übersetzt … Was er (der Übersetzer, A.d.V.) übersetzt ist nichtumkehrbar, darauf ist Verlass. Und er stellt die Frage: kann er (der Übersetzer, A.d.V.) nicht in ein anderes Medium übersetzen, muss es denn die Realität sein? Kann er nicht von einem Traum in den nächsten übersetzen ?“ (S.55)

Verwirrung entsteht erneut bei mir angesichts immer neuer Begriffe.

Fragen stelle ich mir: Ist die Realität ein Medium? Was ist ein „Übersetzer“ in diesem Zusammenhang? Einer, der Deutungshoheit hat, der über die Dinge sich setzt? Bedeutet das nicht, dass der Übersetzer zum Hauptzeugen der Flüchtlinge wird? Welche Fragen stellt der Übersetzer? Was ist dabei sein erkenntnisleitendes Interesse? Ist das einer, der im Transit ist, der über-setzt: Über-setzen von Kulturen, Traditionen, Sprachen? Was ist dabei „unumkehrbar“? Was ist hier mit „Traum“ gemeint?

Zum Ende dieser Kassandra-Passage stellt Rittberger plötzlich, für mich überraschend, die Frage, ob der „Übersetzer“ „die Warnung in ein Heilsversprechen eintauschen(S.55) könne.

 

Unter der Überschrift im Theaterstück  „I. SIN PAPELES/ Hunderte verschiedene Geschichten oder doch die gleichen?“ zähle ich 22 Kurzdarstellungen von Menschen, unter denen sich auch einige mit – obwohl die Überschrift ohne sagt – Ausweispapieren befinden, einem Flüchtling aus Kamerun, einem spanischen Fischer, der die Boote der Flüchtlinge zu unterscheiden weiß, einer Frau aus Guinea-Bissau, einem Jungen aus Marokko, Flüchtlinge von der Elfenbeinküste, aus dem Senegal, der Westsahara, Burkina Faso, Nigeria, Ghana, Mali, Dakar. Und: „Da ist die Geschichte von Blessing, einer fünfundzwanzigjährigen Nigerianerin, deren tragische Geschichte wir aus ihrem Tagebuch kennen, das Boubacar, ihr Mann, einige Monate später zu einem Verlag gebracht hat, der ihm viel Geld geboten hat.“ (S. 62)

 

Am Ende dieser Reihenfolge lese ich, und ich bin verwundert:

„Da ist die Geschichte eines Autors, der nach der Wahrheit sucht, der in Begleitung einer Übersetzerin den Strand von Tarragona rauf und runter läuft, der hofft, tagebuchartige Protokolle abschreiben zu können“ (S.62)

Rittberger bezeichnet sich also als „Autor, der nach der Wahrheit sucht“.

Später wird sich herausstellen, dass Teil II die kurz genannte Geschichte der jungen Frau aus Nigeria zum Thema hat (S.64-89) und die Teile III, IV, IV die der Journalisten, „des Autoren“ (S.90-137).

Im „II. Das Lehrstück von Blessings Tod“ –

wohlgemerkt heißt es jetzt nicht mehr leeres Lehrstück wie bei Rittbergers Kassandra-Motiv zu Anfang, sondern „Das Lehrstück“.

Der Leser/Zuschauer weiß ja bereits von der Schilderung der Vermarktung des Tagebuchs „Blessing“ durch ihren Mann.

Ich lese viele Details einer 5jährigen Flucht durch Afrika, auf der Blessing die Warnungen vor einer Fortführung ihres Fluchtweges ignoriert (Kassandra-Motiv). Sie gibt ihre Hoffnung auf das Ziel nicht auf.

Schließlich erreicht sie das Schiff in Tanger. Ihre Söhne verdursten auf dem Boot, sie stürzt sich daraufhin ins Meer und ertrinkt:

„Ein Traum … Sehe nichts mehr … Europa … Korallen … meine Kinder … Traum … Ende … Bou“ (S.86).

Doch ich bin weiter auf der Suche nach dem „leeren Lehrstück.

Dem Lehrstück hängt Rittberger ein „Intermezzo“ an: 32 herausgeschleuderte, knapp formulierte Fragen und Antworten, jede mit Frage- oder Ausrufezeichen versehen. Für den Leser suche ich nach einer Zusammenfassung. Vielleicht hilft diese:

Hier sind Zuschauer eines Films, wobei jemand diesen so gesehen hat: “ Das Schicksal der Blessing, die mitsamt ihren Kindern im Atlantik ersäuft, das für uns alle steht.“ (S.89) Ein/e andere/r jedoch: „ Das habe ich nicht gesehen. Ich habe nur eine Schauspielerin gesehen, die in einem Lehrstück mitspielt, das Europa bezahlt und das uns davon abhalten soll, jemals nach Europa zu kommen. Sie ist eine afrikanische Schauspielerin, die einen heroischen Bühnentod stirbt und eigentlich nur ins spanische Fernsehen will.“ (S.89)

Wir befinden uns auf afrikanischem Boden. Denn: ich lese die letzte Antwort: „Und deshalb fahre ich auch. Jetzt erst recht.“ (S.89)

Hier beendet Rittberger den Teil II, sein Lehrstück also.

 

 

Fazit 1

 

Dies ist doch kein Lehrstück. Dies ist ein Stück mit „Lehre“. Rittberger sendet seine Moral: Hörst du nicht auf die Warnungen, deine Flucht abzubrechen, wirst du ertrinken – aber deine Erlebnisse, dein Tagebuch wird der Vermarktung für die Medienwelt nützlich sein, egal ob in Europa oder in Afrika. Also uns als „Theater-Dokumentaristen“!  „Blessing“ – heißt es doch im Englischen „god bless you“ – oder Blessing „die Gesegnete“! Eine zynische oder satirische Moral?

 

 

Das Elend der Theater-Journalisten – oder: Es gibt k/einen Ausweg?

 

Doch das Stück ist noch nicht zu Ende – im Gegenteil. Es folgen noch die wortreichen und längsten Teile „III-IV: Flüchtlingstheater, Körperloser Blick, Ende der Vorstellung“ (S.90-137), wo wir gleichsam Zeugen werden: allerdings nur noch konfrontiert mit der Aussichtslosigkeit, der Ohnmacht, der Suche nach einem Ausweg aus dem Dilemma der Journalisten (helfen wollen und gleichzeitig filmen oder sogar die Abschiebung der Flüchtlinge durch Frontex-Beamte ermöglichen) in der Medienwelt aus Theater und Film. Alle möglichen Perspektiven sollen dabei „behandelt“ werden – in wortreichen, „schnellen“ Sätzen.

Einige Zitate (S.99ff) will ich dem Leser nicht ersparen: „Mir geht es wie jedem Schauspieler, der sich einer Rolle unterwirft … man kann dann entweder schweigen – wie in diesem Bergmannfilm – oder man geht einfach ab …Dieses Blickregime, das für die anderen sprechen will und vorgibt, Menschlichkeit zu produzieren, das bringt mich zur Weißglut. Deplatziert müsste er sein, der neue Blick. Er dürfte nicht lesbar sein und zugleich nicht elitär … Irgendeinen Blick auf die Sache … Irgendein menschlicher, allzumenschlicher, meta- oder übermenschlicher Code, den alle lesen können, der alle meint, Sender und Empfänger, Schauspieler und Zuschauer, aber auch den Zuschauer im Schauspieler, also auch den afrikanischen Zuschauer im europäischen Schauspieler …“

Auch das Filmemachen bleibt nicht ausgespart:

„Gibt es denn keinen universellen Film, der einfährt in die Menschen wie der erste Zug, der im Kino …“

„Einmal ertrinken. Der utopische Blick unter der Bedingung der eigenen Abwesenheit: Der Blick eines bereits Ertrunkenen auf die künftig Ertrinkenden.“

 

Erstaunt lese ich diesen Satz wiederholt. Es bleibt nahezu der einzige poetische Satz des gesamten Textes. (Oder wie Gerd Koch meint: Das könnte auch ein Satz Heiner Müllers sein).

 

Ich habe ein Stück gelesen, das vor allem aber politische, ökonomische, ökologische Zusammenhänge völlig ausspart, ignoriert – ja, dem es anscheinend  gar nicht darum geht, historisch-kapitalistische Strukturen auch nur zu berühren.

Ein Text, der keine historisch-erzählenden Geschichten aus dem Leben der Afrikaner erzählt. So erinnere ich mich an meine Gedanken beim Lesen: Das wäre doch auch für ein Lehrstück gut gewesen: Welche – auch schönen – Erinnerungen aus der erlebten, gelebten Geschichte werden verlassen?!

 

Anstelle eines Lehrstücks soll ein utopischer Blick, d.h. der gedrehte Film in einer Kamera, die  gemeinsam mit den Flüchtlingen auf dem Meeresboden untergeht und liegen bleibt – übrig bleiben.

Also nichts für die Gegenwart, sondern für spätere Jahrhunderte, wenn dieser ‚Blick‘ gefunden werden sollte ...

Da gibt es jetzt kein rationales, emotionales, soziales, solidarisches, empörtes Handeln mehr. Was bleibt, ist stumme Stille bei den „Korallen“.

 

Lehrstücke, die Walter Benjamin in seinem Verständnis des Schaffens von Bertolt Brecht als „Versuchsanordnung zur Erforschung menschlichen Verhaltens“ verstand, stehen bei Rittberger nicht zur Debatte? Oder etwa doch?! Für mich als Leserin?!

 

Fazit 2

 

Ich beschließe, dieses Textbuch zuzuschlagen.

Als „Zuschauerin“ (Leserin) verlasse ich auch diese Form des Theaters – ich erwarte keine spielenden, experimentellen, aufklärenden Versuchsanordnungen im brechtschen Verständnis.

Von nun an bin ich mit Benjamins schöner Formulierung im Gepäck, aufmerksam auf das, was ich höre, lese, sehe zu den komplexen, weltweit vernetzten Themen: Afrika, Europa, der Armut, dem Reichtum, den Millionen Menschen, die als illegale oder „legalisierte“ „Flüchtlinge“ in unserer Welt unterwegs sind.

Ich hole sozusagen die untergegangene Kamera wieder ans Licht – denn:

 

Ich will ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern

einen Ort geben, und einen besseren Namen,

denn den Söhnen und Töchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.

Jesaja 56,5

 

 

 

 

 

1. Radiohören im März 2011

 

Im Radio höre ich in den ersten Märztagen 2011 frühmorgens innerhalb der 5-minütigen Nachrichtensendung ungefähr folgende Sätze – ich schreibe sie mir auf: Ankunft eines Flüchtlingsbootes aus Tunesien auf der italienischen Insel Lampedusa. Reporter des TV-Senders RTL begleiteten 350 Flüchtlinge auf ihrer Flucht. Merkwürdigerweise wurde diese Nachricht nicht wiederholt im Laufe des Tages.

„Zurückgeschleudert“ oder „angekommen“ in der „Realität“ – aber in welcher? In welcher „Realität“ denke ich jetzt? In der der Reporter? Genaueres will ich wissen über diese Nachricht und lese unter www.zeit.de/politik/ausland/2011-03/fluechtlinge-lampedusa-rtl: „Husarenstück eines Reporters – oder journalistische Grenzüberschreitung? Nach Informationen von ZEIT ONLINE hat ein Fernsehteam im Auftrag des TV-Senders RTL Flüchtlinge aus Tunesien auf der Überfahrt mit einem Boot nach Italien begleitet … Das etwa 30 Meter lange Boot war eines der größten, das sich seit der Revolution in Tunesien auf den Weg gemacht hatte … Der Kutter durch fuhr dabei einen schweren Sturm und brauchte mit 48 Stunden weit länger, als die Menschen an Bord erwartet hatten … Die beiden Reporter hatten nach eigenen Angaben zuvor in Tunesien mehrere Tage recherchiert und entsprechende Kontakte geknüpft, um auf ein derartiges Boot zu gelangen … Schilderungen von Flüchtlingen, das Team habe Schleppern insgesamt 10.000 Euro für die Fahrt gegeben, wiesen die Reporter im Gespräch mit ZEIT ONLINE zurück. Sie hätten ‚deutlich weniger bezahlt‘, bestätigte RTL…“

Der Reporter habe der Polizei, die jedes ankommende Flüchtlingsboot aus Afrika untersucht, eine etwa 90 Minuten lange Zusammenfassung der rund zehn Stunden Film-Rohmaterial zur Verfügung gestellt.

 

 

 

 

2. Radiohören im Juni 2011

 

Heute morgen am 7. Juni 2011 höre ich im Radio: Insgesamt sind bereits in diesem Jahr (d.h. in 5 Monaten) 1.400 Flüchtlinge aus Afrika auf ihrer Flucht nach Europa ertrunken.

Ertrunkene Geschichten, denke ich, tausende Filmstunden, tausende stumme Kameras auf dem Meeresboden.

Während ich hier im Zimmer in Berlin in den PC tippe, blicke ich zum schönen, mahagonnyfarbenen Bilderrahmen an der Wand. Er hängt dort schon viele Jahre. Er enthält ein ausgeschnittenes zartfarbenes Zeitungsfoto hinter Glas.

Es ist ein ästhetisch gelungenes Bild. Ich nehme das Bild von der Wand:

Sandfarbige Töne rechts, siennabraun-geriffelte Fläche in der Mitte, blaugraue Rauchschwaden darüber. Eine schwarz-weiß gestreifte Sandale, in der ein dunkelbrauner Fuß steckt. Ein Mensch, vollständig eingehüllt in dickem, weißem Tuch. Er hockt auf dem Dach eines langen Zuges.

 „Es sind zumeist Nomaden auf der einzigen Zugstrecke durch die Sahara, die in Richtung Europa fahren“, lese ich unten in kleinster Schrift auf dem aufgeklebten Zeitungssatz. Auf der Rückseite entdecke ich den ebenfalls aufgeklebten, langen Zeitungsartikel aus der Süddeutschen Zeitung, Donnerstag, 12.Januar 2006.

Unter der Teilüberschrift: „Nirgends sonst gibt es auf einen Blick soviel Nichts“ lese ich:

„Vom Fischereihafen (Nouadhibou, A.d.V.) fährt einer der längsten Güterzüge der Welt bis zur Minenstadt Zouérat in der Sahara. Der Wüstenzug karrt auf Mauretaniens einziger Bahnlinie bis zu 21 000 Tonnen Eisenerz an die Küste. Vier Lokomotiven sind notwendig, um mehr als 200 Waggons in Fahrt zu halten. Wer die Strapazen der endlos langen Strecke auf sich nehmen will, gegen Sandstürme, Hitze und Kälte gewappnet ist und genügend Wasser ... mitbringt …“ (SZ, 12.Januar 2006, Winfried Schumacher: Weichen für ein hartes Land – Richtung Mauretanien: Per Anhalter durch die Sahara).

Auf der Zeitungsseite rechts unten stehen Reiseinformationen für den Leser. Es handelt sich also um einen Artikel im Reiseteil! Irritiert lese ich: „Anreise: Air France Paris- Nouakchott ab 858 € … Wüstenzugfahrt: In der Regel verlässt der Zug in die Sahara zwei Mal täglich Nouadhibou und legt die 700 Kilometer bis Zouérat in zwölf Stunden zurück. Reisende fahren in Güterwaggons kostenlos, in Personenwagen für wenige Euro.

Weitere Auskünfte: Botschafter der Islamischen Republik Mauretanien.“

Es folgen Adresse und Telefonangaben in Berlin.

In diesen absurden, zynischen und realistischen Zusammenhängen ist also  „mein schönes Bild an der Wand“ zu betrachten.

Und ich lese weiter beim Autoren Winfried Schumacher:

„Kaum einer südlich der Sahara, der nicht von Europa träumt. Und wer irgendwie kann, macht sich auf den gefährlichen Weg nach Norden, in der Hoffnung, irgendwann dort anzukommen, wo man glaubt, dass es kein Leiden mehr gibt. Hauptsache entkommen, dem Teufelskreis aus Elend, Armut und Bürgerkrieg. Niemand zählt die Sehnsüchtigen, die auf den Minenfeldern an unsichtbaren Grenzen entlang, im Treibsand der Sahara und auf dem Meeresboden vor Gibraltar und Lanzarote zurückbleiben …

Es ist ein Kampf (der Freiheitskämpfer der seit Jahrhunderten dort lebenden Wüstenstämme der Saharauris u.a. gegen den Nachbarstaat Marokko, A.d.V.) um die reichen Phosphatvorkommen des Landes und um politische Unabhängigkeit …

 

 

 

3. Kein Ende

 

Und dieser zum eigenen „Lehrstück“ erklärte Prozess wird bleiben.

Wie wir alle täglich hören, sehen, lesen können …