Szenisches Experimentieren im Jugendtheater für Menschenrechte

      Holzschnitt_Namibia-2008_Jugendtheater-Menschenrechte_0.jpg    PROTERRA entwickelt in Kooperation mit Amnesty International Hannover, der Gesellschaft für Theaterpädagogik e.V. und Partnerschulen in der Region Hannover Theaterstücke, in denen anhand von ausgewählten Länderbeispielen die Menschenrechtsverletzungen in Afrika dargestellt werden.

Welche WSK-Rechte gibt es überhaupt und wie sieht die aktuelle Menschenrechtslage in Afrika aus? Das Projekt „Jugendtheater für Menschenrechte in Afrika“ führt Jugendliche der Region Hannover über eine entwicklungspolitische Bildungs-, Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit an das Thema Menschenrechte in Afrika heran. Im Fokus der Theaterarbeit stehen die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte mit den Themenkomplexen Armut / Slums / Zwangsräumungen; Frauenrechte / Müttersterblichkeit / Genitalverstümmelung / HIV/Aids; Kinderrechte / Krieg / Flucht / Asyl sowie Hunger / Umweltverschmutzung / Verantwortung von Wirtschaftsunternehmen.

Durch das von PROTERRA initiierte und von Amnesty International und der Gesellschaft für Theaterpädagogik begleitete Jugendtheaterprojekt soll der Blick für Menschenrechtsverletzungen im ‚fernen’ Afrika geschärft und das eigene Afrika-Bild hinterfragt werden. Denn:

„Das Bild, das sich der Westen von Afrika macht, ist oft ein wenig unscharf, wenn man es milde formuliert. Man kann auch sagen: Es ist erschreckend stereotyp. Hauptsache wild. Hauptsache schwarz. Hauptsache Afrika. […] In der europäischen Wahrnehmung ist Afrika oft weniger geografischer Begriff als Chiffre. Sie hat historische Wurzeln, die weit zurückreichen. Weil bis heute die wenigsten Europäer Afrika aus eigener Erfahrung kennen, haben wir es vor allem mit Projektionen zu tun.“ (Süddeutsche Zeitung, 29.05.2010)

Die Jugendlichen der beteiligten Partnerschulen in der Region Hannover haben während der vorbereitenden Workshops und während der Theaterarbeit die Möglichkeit ihre Fragen, Erfahrungen und Einschätzungen in die Theaterstücke zur Menschenrechtslage in Afrika einzubringen und einen Bezug zur eigenen Lebenswelt herzustellen. Durch das Wissen über die universellen und unteilbaren Menschenrechte und durch Empathie soll das eigene Handeln und Engagement der Jugendlichen für Menschenrechte und entwicklungspolitische Themen gefördert werden.

Im Vordergrund des Jugendtheaterprojekts sollen die WSK-Rechte, Recht auf soziale Sicherheit, Recht auf angemessenes Wohnen, Recht auf Gesundheit, Recht auf Bildung sowie Recht auf Wasser und Nahrung stehen. Neben der Achtungs-, Schutz- und Gewährleistungspflicht von Staaten soll vor allem auch das Diskriminierungsverbot (z.B. Gesundheitsversorgung von ethnischen Minderheiten oder diskriminierungsfreier Zugang zur Bildung) diskutiert werden.

Szenisches Experimentieren im Jugendtheater für Menschenrechte

Die Schüler/innen der Partnerschulen sollen im Laufe des Projektes thematisch informiert, aufgeklärt und sensibilisiert werden. In der szenischen Arbeit schärfen sie durch Ausprobieren, Einfühlen, Assoziieren, Beobachten und Reflektieren ihre Wahrnehmung und gewinnen Als-Ob-Erfahrungen zu Motivationen, Interaktionszusammenhängen und Eskalationsprozessen in Situationen der Verletzung von Menschenrechten. Durch das Experimentieren mit Mustern von Macht und Gewalt empfinden die Spieler/innen oftmals das Bedürfnis zu persönlichen Stellungnahmen und Positionierungen zu den vorgenommen Konflikten und den darin beteiligten Figuren und ihren Haltungen. In diesem Prozess des Experimentierens können sich die Schüler/innen als soziale, politisch denkende und handelnde Individuen erleben. Die Arbeit mit Als-Ob-Erfahrungen in Konfliktsituationen erfordert eine reflektierte Methode mit einem theoretischen und begrifflichen Instrumentarium und klar definierten Grenzen. Eine solche Methode bietet die Hannöversche Lehrstückarbeit (vgl. Nölke & Weisberg 2010).

Die Lehrstückpraxis basiert auf einem eigenständigen theaterpädagogischen Konzept. Im Vergleich mit dem „Theater der Unterdrückten“ von Augusto Boal und dem „Szenischen Spiel“ oder den „Jeux Dramatiques“ bietet das Lehrstück ein vergleichsweise wissenschaftliches Instrumentarium zur „kollektiven Selbstverständigung“ an, welches sich in besonderem Maße zur Untersuchung sozialer Muster eignet. Im Jugendtheaterprojekt kann und soll keine Lehrstückarbeit im strengen Sinne geschehen. Stattdessen soll, mit Blick auf die genannten Lernziele, ein Kernstück der Lehrstück-Methode in den Darstellendes-Spiel-Unterricht übertragen werden: Das szenische Experimentieren mit Situationen, die von Macht oder Gewalt geprägt sind. Damit die spezielle Spielweise von den Theaterlehrer/innen fruchtbar zur Anwendung gebracht werden kann, müssen diese Theorie, Methoden und Spielregeln kennenlernen. Dazu können bestimmte Übungen und Spiele aus der universitären Spielpraxis vermittelt werden.

Nölke, Swantje & Weisberg, Jan (2010): Spielen, Erfahren, Verstehen – zur Arbeit an Haltungen in der hannöverschen Lehrstückpraxis. In: Zeitschrift für Theaterpädagogik, Heft 56, S. 44-45.

 

 

PROTERRA PROJECT COOPERATION e.V.    
Ortskamp 16,
30539 Hannover
www.proterra-project-cooperation.de

Projektförderung: Niedersächsische Bingostiftung und Evangelischer Entwicklungsdienst

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