Erschienen in: Korrespondenzen. Zeitschrift für Theaterpädagogik, 26. Jahrgang, Heft 57, 2010. S. 69f.

Abdruck des Manuskripts mit Erlaubnis der Autorin..

 

Alla Turca! 

Bericht zur Lehrstück-Tagung in Bursa/ Türkei vom 7. bis 11.04.2010

von Swantje Nölke

Vom 7. bis 11.April 2010 fand in Bursa/ Türkei eine Fachtagung zur Brechtschen Lehrstücktheorie und -Praxis statt. Das Fachkräfteprogramm „Brechts Theorie von der Kunst des Zusammenlebens und aktuelle Tendenzen in der Theaterpädagogik“, von der BAG Spiel und Theater federführend betreut, setzte damit die Reihe der Kooperationen mit der türkischen Partnerorganisation CDD fort. So kamen türkische MultiplikatorInnen aus den Bereichen Schule, Theaterpädagogik und Schauspiel in dem Stadt am Marmarameer zusammen, um 5 Tage lang an verschiedenen Veranstaltungen zum Thema Lehrstück teilzunehmen. Workshops, Diskussionsrunden und Vorträge sollten einen Eindruck von den Potentialen des Lehrstücks vermitteln, von seinen verschiedenen Ausprägungen, seinen Methoden und seiner Geschichte und Praxis. Eröffnet wurde die Tagung mit einem Vortrag von Gerd Koch, der in Zusammenarbeit mit Florian Vaßen entstanden war und neben Überblicksinformationen zum Lehrstückspiel auch dessen historische Hintergründe beleuchtete. Verwendungszusammenhänge des Lehrstücks in der pädagogischen Arbeit, in politischen Zusammenhängen, methodische Schritte und Handlungsanregungen – ausgehend von Steinwegs Forschung – wurden vorgestellt.[1]

Ein weiterer Vortrag mit dem Titel „Das Lehrstück als Impuls: Brecht auf! Kleine Re-Lektüre der Lehrstücktheorie“, gehalten von Hans Martin Ritter, hatte im weiteren Verlauf der Tagung wiederum die theoretische Ebene des Lehrstücks im Blick – der Text ist in gekürzter Fassung in diesem Heft abgedruckt.

Es folgten verschiedene Workshop-Angebote, für die sich die TeilnehmerInnen im Vorfeld anmelden konnten. In Gruppen von 20 bis 30 Personen sollten nun unterschiedlichste praktische Zugänge zum Brechtschen Lehrstück vorgestellt und erprobt werden: Unter dem Titel „Lehrstück-Spiel: Creative Writing und Creative Drama“ bot Gerd Koch in zwei Kurzworkshops eine Spiel- und Schreibwerkstatt an, die, ausgehend von zwei Impulstexten Brechts das Verfassen eigener Texte zum Ziel hatte. Bertolt Brecht hat ganz kleine Lehrstück-Szenen hinterlassen. Manchmal sind es auch nur Dialoge und Fragmente. Solche Texte regen an, eigene, neue Szenen zu schreiben und zu spielen. Bertolt Brecht ist dann der Stichwortgeber. Seine kleinen Texte sind Impulse, um aus eigenen Lebenserfahrungen „Creative Writing“ mit „Creative Drama“ zu verbinden. Die Schreiberinnen und Schreiber und Spielerinnen und Spieler werden selbst zu Lehrstück-Autoren und -Autorinnen“, so Gerd Koch über seine Arbeit.

Hans Martin Ritters Kurzworkshop Brecht/Eisler: Das Lied des Händlers/ Der Song von der Ware als szenisch-musikalische Aktion“ setzte den Schwerpunkt auf die ästhetisch-musikalische Dimension des Lehrstücks. „Die Akzentuierung des Ästhetischen in der Lehrstückarbeit an dieser Stelle war motiviert durch den Verfall des Ästhetischen in der Beschäftigung mit dem Brechtschen Lehrstück in den letzten Jahrzehnten zugunsten der Reflexion von Konflikten der Realität.“, wie Ritter in einem unveröffentlichten Manuskript ausführt. In Zusammenarbeit mit dem Bratschisten und Übersetzer Murat Akin wurde der Text auf Türkisch gesungen, rhythmisch-tänzerisch umgesetzt, chorisch gesprochen und so in verschiedenen Varianten (wild und lustig, elegant, aggressiv etc.) erprobt. Die drei- bis vierstündige Arbeit der Kurse diente dazu, ein musikalisches, textuelles, dramaturgisches „Muster“ zu erstellen, wobei die Musik „das anarchische Moment der Emotionen“ (Ritter) stärken und  so vorschnelle Rationalisierungen des zentralen, im Text angelegten Konflikts verhindern sollte.  

 

 Neben diesen Kurzworkshops wurden drei längere Seminare angeboten, die eine intensive Auseinandersetzung mit der Lehrstückpraxis ermöglichten. Roger Fornoff arbeitete mit seiner Gruppe vier Tage lang zu  Texten aus dem Brechtschen Fatzer-Fragment: Angelehnt an die Spielpraxis Reiner Steinwegs wurden hier zentrale Techniken und Methoden des Lehrstückspiels vermittelt und gemeinsam erprobt. Ganz ähnlich gelagert war der Beitrag von Jan Weisberg und Swantje Nölke, die mit der „Groschenszene“ aus Brechts „Der böse Baal der asoziale“ ebenfalls das Lehrstück-Spiel und die gemeinsame Reflexion des Gespielten zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit nahmen. In beiden Workshops konnte damit die szenische Auseinandersetzung mit Sozietät und Asozialität, angelegt bereits in den Texten und davon ausgehend weiterentwickelt innerhalb der Gruppen, intensiv erfolgen. Die TeilnehmerInnen hatten über das Experimentieren im eigentlichen Lehrstückspielen die Möglichkeit, selbst Erfahrungen zu sammeln und gleichzeitig zentrale Methodiken für die eigene Arbeit erproben und diskutieren zu können. Insbesondere das Spielen mit Haltungen und die Rolle des Spieltextes als „Sprachmaterial“, weniger als zu interpretierende Spielvorlage, stellten hierbei einen methodischen Schwerpunkt dar. „Besonders die Heterogenität der Gruppe, also die Tatsache, dass unterschiedliche Berufsgruppen und Altersstufen und damit auch unterschiedliche Interessenlagen und Biografien vertreten waren, hat die Arbeit in Bursa besonders spannend gemacht“ bemerkte Jan Weisberg im Nachhinein.

Jutta Heppekausen konzentrierte sich mit ihrer Gruppe und Brechts „Ja-Sager“ auf die Frage: Wie nützlich und wie veränderbar ist „der Brauch"? In der Auseinandersetzung mit dieser Frage wurden Konzepte wie sozialer Gestus und Habitus, aber auch ganz  individuelle, persönliche Normen thematisch. „Konkrete Alltagsparallelen,  private Themen wie  Schwierigkeiten, sich von erwachsen werdenden Kindern zu verabschieden über Reibungen zwischen schulischen Werten und Werten im Elternhaus („Wessen Wort gilt?)“ , dem Gruppendruck in Seminaren gegenüber Außenseitern bis hin zu dem „Krieg im Süden“ und der Frage einer Teilnahme an Militäreinsätzen“ seien über diesen Ansatz bearbeitbar geworden, so Jutta Heppekausen über ihren Beitrag in Bursa. Ihr Workshop, sein Ansatz und dessen praktische Umsetzung im Übrigen werden von ihr an anderer Stelle in diesem Heft ausführlich  vorgestellt.

Die Tagung ermöglichte den Beteiligten also eine Zusammenschau verschiedenster Annäherungen an das Brechtsche Lehrstück, unterschiedlicher Umsetzungen und variantenreicher Weiterentwicklungen  in Theorie und Praxis. Damit wurde nicht zuletzt auch den TeamerInnen die Möglichkeit gegeben, über den jeweils eigenen Kontext hinaus in einen spannenden Austausch miteinander, aber auch mit den türkischen MitspielerInnen und KollegInnen zu treten. Unser Dank dafür gilt den Veranstaltern für die Organisation einer spannenden und anregenden Tagung, den überaus motivierten und interessierten TeilnehmerInnen, besonders aber den Übersetzerinnen und Übersetzern, ohne die die intensive gemeinsame Arbeit unmöglich gewesen wäre.

 

 



 

[1] Vortragsgrundlage war: Gerd Koch, Florian Vaßen: Der lange Weg des Lehrstück-Spiels, in: Marcel M. Baumann u. a.: Friedensforschung und Friedenspraxis. Frankfurt am Main 2009, S. 168 ff